Text von Teriolissima (15.09.2020)

Webinar 10, Schreibimpuls 2, eine Geschichte weitererzählen

Es war spät abends, als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schloßberg war nichts zu sehen, Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete das große Schloß an. Lange stand K. auf der Holzbrücke, die von der Landstraße zum Dorf führte, und blickte in die scheinbare Leere empor.

Der dichte Nebel, der sich drückend, kaltfeucht wie dickflüssiger Rahm anfühlte und ihm das Atmen erschwerte trug nochmals dazu bei, dass sich durch seine leicht ausgeprägte Klaustrophobie der Brustkorb scheinbar verengte und die Knie zu zittern begannen. „Reiß dich zusammen“ sagte seine innere Stimme, bis er merkte, dass er inzwischen diese Worte selbst mehrmals hintereinander leise vor sich hergemurmelt hatte, immer und immer wieder. Seine Finger der rechten Hand, die in klammen, schwarzen Samthandschuhen nur wenig Schutz vor der beißenden Kälte fanden, krallten sich krampfhaft an dem mit metallenen Rosen verzierten, eisernen, nasskalten Brückengeländer fest. Die linke Hand umklammerte mit selber Kraft eine kalbslederne, schwarz eingefärbte Aktentasche mit goldener Schließfunktion, als müsste er sein Kind vor unkontrolliertem Losreisen, bei Nahen einer Gefahr festhalten. Diese unnatürliche Stille, die sich wie durch Watte oder durch ein Katarrh der oberen Luftwege verstopfte Gehörgänge anfühlte, diese Stille verstärkte seine Angst und Beklemmung zusehends. Mit weit aufgerissenem Mund und diversen Kieferbewegungen versuchte er seine scheinbar verschlossenen Ohren zu öffnen. Es war zwecklos, sein Gehör war nach wie vor in Ordnung. Diese Stille war real und wurde plötzlich von einem leisen, scheinbar weiter entfernten, aber in K. Erinnerungen weckendem Geräusch unterbrochen. Wie ein Wolf zog er automatisch seine Ohren nach hinten, die unter dem dicken Filzhut und der dichten Haarpracht doch recht guten Schutz vor der Kälte fanden. Sein Kopf drehte sich in Richtung des scheinbar immer näher kommenden Geräusches, das er jetzt auch identifizieren konnte. Ein wohliger Ton, besser gesagt mehrere klingende Töne der Glöckchen eines herannahenden Pferdeschlittens. Ein befreiender Seufzer aus tiefer Brust lockerte auch seine Hand am Brückengeländer, denn von Weitem sah er schon ein heller werdendes Licht, das wohl von der Kutscherlampe des Schlittens stammte…….

Veröffentlicht von rausgeschriebenadmin

Mag.a phil. Rebecca Heinrich, BA erhielt 2020 ein projektbezogenes Arbeitsstipendium des Landes Tirol, um "Rausgeschrieben – Das Tiroler Online-Literaturforum" zu realisieren. Für mehr Informationen zu Rebecca Heinrich siehe http://www.rebecca-heinrich.com/

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